
Hallo Alex, du bist Kommunikatonsberaterin und Autorin zweier Ratgeber. Dein erstes Sachbuch “She Works Hard For No Money” erscheint nun am 28.10.25 bei Palomaa Publishing. Darin schreibst du über Social Media als männergemachten Ort, der besonders für Userinnen zusätzliche Emotionsarbeit bedeutet und berichtest dabei tiefblickend und wissenschaftlich fundiert über verschiedene soziale Phänomene und ihre Auswirkungen auf uns.
Lass uns besprechen, worum es im Buch geht und was wir alle tun können, um Social Media zu einem besseren Ort zu machen.
Wann hat sich der Gedanke in dir gefestigt, darüber ein Buch zu schreiben, und wen möchtest du damit besonders erreichen? Was ist dein Ziel mit dem Buch?
Ich beschäftige mich schon länger mit der ungleichen Verteilung von unbezahlter Fürsorgearbeit und Mental Load. Ende 2023 fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass sich diese feministische Perspektive fast eins zu eins auf Social Media übertragen lässt:
So wie unbezahlte Care-Arbeit – meist von Frauen geleistet – die Grundlage dafür bildet, dass Männer in Ruhe Karriere machen können und das kapitalistische System stabil bleibt, so hält auch die unbezahlte Arbeit von Milliarden Nutzer*innen auf Social Media das Geschäftsmodell der Tech-Milliardäre am Laufen und vergrößert ihre Macht und ihren Profit.
Während wir bei der Fürsorgearbeit zum Glück immer öfter problematisieren, dass sie unbezahlt ist, fehlt mir dieser Diskurs bei Social Media noch völlig. Genau das war der Auslöser für das Buch.
Als Feministinnen stecken wir in einem Dilemma: Einerseits wollen wir möglichst viele Menschen mit unserer Botschaft erreichen. Andererseits gehören die großen Plattformen Männern, die in erster Linie ihren Profit im Blick haben – nicht das Wohl von Frauen. Mir ist wichtig, dass wir uns dieser Zusammenhänge bewusst werden.
Gleichzeitig habe ich das Buch für alle geschrieben, die an Social Media erschöpfen oder daran verzweifeln. Ich möchte zeigen, dass es für ihre Erschöpfung Gründe gibt, die nichts mit individuellem Fehlverhalten zu tun haben. Die Ursachen liegen vor allem in profitorientierten Strukturen, die es Menschen fast unmöglich machen, nicht auszubrennen.
Wie hat sich die Recherche zu deinem Buch gestaltet und was hat dich mitunter vielleicht auch überrascht?
Mir war von Anfang an klar: Das Buch soll praxisnah sein und viele Beispiele enthalten. Nachdem ich 2020/21 alle meine Social-Media-Kanäle gelöscht hatte, legte ich mir für die Recherche vorübergehend wieder einen Instagram-Account an.
Anfangs dachte ich noch: „Hoffentlich finde ich genug Material.“ Schnell stellte sich heraus, dass ich eher die Qual der Wahl hatte. Es gab so viele erschreckende Beispiele zu Themen wie Rage Bait oder Bodyshaming, dass ich Schwerpunkte setzen musste.
In unserer Welt des ständigen Vergleichs und des Wunschs nach Selbstoptimierung, wie sieht für dich ein gesunder Umgang mit Social Media aus - und wie praktizierst du ihn?
Wenn wir über „gesunden“ oder „ungesunden“ Umgang mit Social Media sprechen, richten wir den Blick meist auf das Verhalten einzelner Menschen. Dabei unterstellen
wir stillschweigend, dass es ein vermeintlich richtiges oder falsches Verhalten gibt und dass es an den Nutzer*innen liegt, nicht an Social Media zu verzweifeln.
Mein Ansatz – und genau das versuche ich mit „She Works Hard For No Money“ – ist: Statt
das individuelle Verhalten sollten wir die Strukturen in den Fokus nehmen und die Verantwortung für das Wohlbefinden der Nutzerinnen wieder denen auftragen, die die Plattformen erschaffen haben:
den Tech-Milliardären und ihren Unternehmen.
Ich selbst habe meine Social-Media-Kanäle bereits 2020/21 gelöscht bzw. deaktiviert – und damit geht es mir persönlich sehr gut. Für das Buch habe ich mir wie gesagt vorübergehend Accounts zur Recherche angelegt und hab echt drei Kreuze gemacht, als das Buch geschrieben war und ich sie nicht mehr gebraucht habe. Selbst wenige Minuten auf Instagram & Co. taten mir einfach nicht gut.
Einzige Ausnahme: YouTube. Ich nutze die Plattform gerne für Klavier-Tutorials, Deep Dives und Ähnliches. Ich folge niemandem und habe meinen Verlauf deaktiviert. So sehe ich nur, was ich wirklich schauen möchte, und sonst nichts.
Hast du weitere Empfehlungen zu dem Thema (z.B. Reportagen, Dokus, Schreibende)?
Die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff hat mit „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ ein grundlegendes Buch geschrieben, das das datenbasierte Geschäftsmodell der Tech-Unternehmen genau beleuchtet.
Mittlerweile wird das Thema auch kulturell aufgegriffen, was mich sehr freut. Die Band Kafvka zum Beispiel hat viele Social-Media-kritische Texte, die ich immer wieder abfeiere.
Außerdem kann ich die „Black Mirror“-Folge „Nosedive“ empfehlen. Sie zeigt, wie soziale Anerkennung zur Währung des Alltags wird und Bewertungen echte Beziehungen ersetzen. Die Episode denkt Social Media konsequent zu Ende und illustriert, wie Selbstinszenierung, sozialer Druck und digitale Beurteilung unser Verhalten prägen.
Wie würdest du den Satz beenden: "Wenn ich Social Media ändern könnte, dann würde ich ..."?
… dafür sorgen, dass Social-Media-Plattformen nicht länger Milliardären gehören, sondern gemeinnützig und demokratisch kontrolliert werden.
Welche Themen beschäftigen dich gerade außerdem und hast du weitere Projekte in Zukunft geplant, von denen du uns schon berichten darfst?
Momentan wage ich meine ersten Schritte im literarischen Schreiben und verfasse Lyrik sowie Kurzprosa, die ich aktuell auf kleineren Lesebühnen vortrage. Nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen Migrationsgeschichte interessiert mich, wie soziale Herkunft sich in Körper und Beziehungen einschreibt.
Mal etwas ganz anderes: Welche sind deine drei liebsten Romane?
Ich weiß, ich komme etwas spät zur Party, aber erst neulich habe ich Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ gelesen und war sowohl vom Inhalt als auch von der Form begeistert. Außerdem lese ich gerne Romane, die Migrationsgeschichte behandeln. Den Coming-of-Age-Roman „Kanak Kids“ von Anna Dimitrova habe ich zum Beispiel letztens zufällig entdeckt und fand ihn toll. Das „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon und Mareike Fallwickls „Die Wut die bleibt“ liebe ich beide auch sehr.

