ein Interview von Finnja Schmidt
Ihr Roman "Wir sind eine Frau" dreht sich um den Familienalltag einer Frau, die plötzlich einen Knoten in ihrer Brust entdeckt. Wir sagen: Eine Geschichte, die sich traut, durch und durch weiblich zu sein. Autorin Sarah Pfaffeneder berichtet im Interview von kollektiven Erfahrungen als Frau, von der Entstehung ihres Buches und von einem bösen Clown.

Wie entstand die Idee für diesen Roman? Was war dir besonders wichtigwährend des Schreibprozesses?
Meine Autorinnenkollegin und Freundin Nadine Markovic begann, ihren Roman zu schreiben und sich literarisch mit dem Rechtsruck auseinanderzusetzen; sie zeigte mir einen Ausschnitt, der mich inspirierte, auch (wieder) für Erwachsene zu schreiben, etwas “Wuchtiges” zu verfassen - und dieses Mal nicht aus der Ich- Perspektive (wie in meinem Jugendroman „Soy und Beans”).
Die Idee in mir keimte, meinen neuen Figuren keine Namen zu geben, kollektiver zu arbeiten, sodass sich jede Frau in ihnen erkennen könnte. Somit entstand zunächst nur ein Gedicht; jenes, das auch vorne in „Wir sind eine Frau“ abgedruckt ist und die Basis für den gesamten Roman bildet. Denn dieses Gedicht dreht sich um die Unsichtbarkeit von Frauen. Ihre täglichen Herausforderungen. Ihr tägliches Tun, das selbstverständlich ist und erst gesehen wird, wenn die Frau wegfällt. Mir war wichtig, diese neue Sichtbarkeit ins Zentrum des Romans zu stellen.
Für wen hast du deinen Roman geschrieben? Was glaubst du, wer hat am meisten Freude beim Lesen?
Gewidmet habe ich das Gedicht den Frauen in meiner eigenen Familie. Der Roman allerdings ist für ALLE weiblich gelesenen Personen. Für sie habe ich ihn geschrieben; sinnvoll wäre es aber tatsächlich, wenn auch männlich gelesene Personen das Buch in die Hand nehmen würden, um einen Einblick zu bekommen, wie es wirklich ist, Frau zu sein. Ob das Buch Freude vermittelt, kann ich nicht vorhersehen – der Stoff ist zwar teilweise humorös aufgearbeitet, allerdings ist das Grundthema ein ernstes; ein ehrliches, ein wichtiges und soll genau daher beleuchtet werden. Ich denke, dass Menschen, die feministische Haltungen vertreten, Freude empfinden werden, ja. Denn dieser Text zielt auf Sichtbarkeit, Verständnis und weibliche Solidarität ab.
“Wir sind eine Frau” thematisiert viele Tabu-Themen rund ums Frau* sein. Duschaffst Sichtbarkeit für pränatale Depression, für Brustkrebs, für Care-Arbeit, für Kindsverlust etc. Warum ist es dir so wichtig, Sichtbarkeit hierfür zu schaffen?Was möchtest du damit erreichen?
Ich möchte durch die Thematisierung von Tabuthemen einerseits zur Aufklärung beitragen, andererseits, und das ist mein großes Ziel, ein Gefühl von Zugehörigkeit, Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft erzeugen; das Buch soll zeigen: Du bist nicht allein. Wir sind viele. Und gemeinsam sind wir stark. Sei offen, zeig dich, und du wirst erkennen – wir spiegeln dich.
Du sprichst von Frau*-sein als kollektive Erfahrung – Was bedeutet das für dich? Ist das Fluch oder Segen?
Ich habe oft das Gefühl, dass Trennendes mehr betont wird als Verbindendes: Sie ist hübscher als ich, sie ist gebildeter als ich, sie ist schlanker als ich. Ihre Beziehung ist besser, ihre Kinder erzogener, ihr Ehemann unterstützender.
Doch wenn man dann tatsächlich den Mund auftut, selbst anspricht, was vielleicht nicht gut läuft, wird man davon überrascht, wie es denn WIRKLICH bei anderen aussieht. Und diese Offenheit, dieses Gemeinsame ist doch eine Kraft, die uns verbinden kann, denn man muss kräftig sein, um etwas verändern zu können.
Als Endziel steht für mich Gleichberechtigung, und die kann man meiner Meinung nach nur durch Offenheit und Akzeptanz erreichen.
Was hat es mit dem Clown auf sich, den du wiederholt in deinen Romaneinfließen lässt?
Der Clown repräsentiert die Depression, die die Protagonistin einst besiegt hat. Er sucht sie heim. Er lauert auf sie. Er ist fies und laut. Taucht unerwartet auf und versucht, wieder zuzuschlagen, die Frau in seinen Bann zu ziehen. Damals kämpfte sie gegen eine perinatale Depression, nun klopft der Clown wieder an und versucht, durch eine drängende Diagnose und Momente des Kontrollverlusts erneut ins Leben der Frau zu treten, sie in seinen Sog zu ziehen.
Du nutzt Humor in deinem Buch als Coping- Mechanismus. Hast du nochandere Wege, mit patriarchaler Diskriminierung umzugehen oder Tipps, denHumor nicht zu verlieren?
Der einzige Weg gegen patriarchale Muster ist die Entlarvung eben dieser. In meinem Fall, mir immer wieder zu sagen: Die Zahl auf der Waage ist irrelevant, solange sich mein Körper gut anfühlt. Mir zu sagen, ich muss nicht lächeln, auch wenn mich jemand dazu auffordert. Mir zu sagen, ohne BH herumzulaufen, ist keine Einladung, mich anzufassen. Ich darf wiegen, wie viel ich will. Mein Gesicht darf aussehen, wie ich will. Ich darf anziehen, was ich will. Das – und viel anderes – sage ich mir. Bespreche es mit meinen Freund·innen und Schüler·innen. Ich frage nach. Ich beobachte. Ich höre zu. Ich bin so offen, wie ich kann. Ich nehme an und tausche mich aus. Ich bilde mich weiter. Ich lese. Ich schreibe und manifestiere. Ich denke, dass ausschließlich Offenheit und das Erkennen eines „UNS“ (als Frauen) Veränderung bringen kann. Und ich achte auf genau diese guten Gespräche, diesen Austausch. Das gegenseitige Verständnis tut gut und beflügelt mich jeden Tag aufs Neue.
Hast du für 2026 weitere Buchprojekte geplant oder dürfen wir uns auf andereProjekte mit dir freuen?
Tatsächlich hat eine Frauengruppe begonnen, mit mir zu sprechen (in meinen Gedanken). Es sind sieben total unterschiedliche Stimmen, verschiedene Frauen in verschiedenen Situationen, die dennoch einiges verbindet: ihre Offenheit, ihre Fähigkeit zu kommunizieren, ihr Humor und ihre gemeinsame Wut gegen den gewalttätigen Partner einer der Frauen. Die Geschichte formt sich gerade in meinem Kopf, ich kenne das Ende und freue mich auf das Dazwischen – auf den Weg dorthin. Wir sind alle individuell, wir sind alle anders, und dennoch sind wir kollektiv.

