ein Interview von Finnja Schmidt
Ihr Essay über ehrenamtliche Arbeit im Leipziger Stadtrat benennt viele Missstände und patriarchale Strukturen, ruft aber auch zum politischen Engagement auf und möchte Mut machen. Autorin und Poetry Slammerin Marsha Richarz stellt ihr Buch "MitMachtSpiel" vor und erläutert, was ihr Antrieb ist.

Wie kamst du dazu, deine politische Arbeit in einem Essay sichtbar zu machen?
Politik wurde für mich zugänglich und interessant, weil Menschen sie zugänglich und interessant gemacht haben. Das funktionierte vor allem über die Art und Weise, wie sie darüber erzählt, welche Sprache (kein kompliziertes Beamtendeutsch, sondern einfach und unterhaltsam) sie dabei genutzt haben und wie transparent sie dabei gewesen sind. Das wollte ich auch machen. Mit einer Kollegin waberte eine Weile die Idee rum, einen Podcast zu machen, aber das war ein zu großer Zeitaufwand. In meinem Hinterkopf sammelte ich schon Ideen für ein Sachbuch, nach ein paar Jahren mehr Erfahrung in der Kommunalpolitik. Schließlich hat Anne mich aber direkt für den Essay angefragt, nachdem sie meine Liveticker via Instagram (die waren erstmal der einfachste Schritt zu zeigen, was in einer Ratsversammlung eigentlich abgeht) regelmäßig verfolgt hatte. Und das war die perfekte Gelegenheit. Mit nochmal anderthalb Jahren Erfahrung würden bestimmt wieder andere Dinge in dem Text stehen. Ich habe auch eine Weile gehadert, ob ich denn schon genug Ahnung von der Arbeit habe, aber ich denke genau das macht den Essay so zugänglich und gut: Ich schreibe ehrlich, was herausfordernd an der Arbeit ist, aber eben auch, was mit wenig Erfahrung schon möglich ist.
Für wen hast du deinen Essay geschrieben? Was glaubst du, wer hat am meistenFreude am Lesen?
Für alle, die sich (noch) nicht in die Politik trauen. Insbesondere junge FLINTA Personen. „Die Politik“ ist immer noch ein Raum, der geprägt ist von Weißen, cis-Männern Mitte 50 (statistisch gesehen) und schreckt dadurch viele ab. Ich wünsche mir, dass wir diesen Raum anders aufteilen und dass ich mit dem Essay einige Menschen motivieren kann sich aktiv politisch zu engagieren. Für alle Leipziger*innen ist das Buch sowieso spannend, ich habe aber Hoffnung, dass ich mit meinem persönlichen Beispiel auch überregional junge Menschen erreiche. Ich bin schon auch einfach sehr witzig, im besten Fall schmunzeln die Leser*innen auch mal.
Wer sind deine FLINTA- Vorbilder in der Politik? Wer motiviert dich?
Auf Bundesebene, auch wenn‘s eventuell eine Klischee Antwort ist: Ricarda Lang und Claudia Roth. Luna Möbius, als ostdeutsche trans Frau setzt sie sich immer wieder in der Öffentlichkeit für die Rechte marginalisierter Gruppen ein und ist dabei auch viel Hasskommentaren ausgesetzt. Heidi Reichineck (ja, nicht meine Partei, aber muss ja auch nicht), u.a. weil sie die mentalen Herausforderungen eines Bundestagsmandats anspricht. Auf kommunaler Ebene unsere Bürgermeisterin Vicki Felthaus für den riesigen und wichtigen Bereich Jugend, Schule und Demokratie – sie bleibt stets bestimmt, wirkt dabei aber nie hart, sondern empathisch und herzlich und macht das beste aus der aktuellen Haushaltssituation für ihre Zielgruppe.
Der Titel deines Essays lautet “MitMachtSpiel”- wann hast du zuletzt mit Machtgespielt oder ist das ein rein rhetorischer Titel?
Mit Macht spielt man nicht, auch wenn das offensichtlich einige Politiker*innen noch nicht verstanden haben. Es geht im Essay auch um den Begriff Macht, wie sie verteilt ist und wie man mit ihr auch gutes bewirken kann. Dadurch, dass ich als Stadträtin gewählt wurde habe ich zusammen mit den anderen 69 Stadträt*innen im Leipziger Stadtrat mehr Mitbestimmungsrecht als die meisten Menschen in Leipzig. Die Personen, die mich gewählt haben, vertrauen mir, dass ich sie und ihre Anliegen ernst nehme. Durch meine Wahl kann ich eben mitspielen – oder viel eher aktiv mitwirken und diese fantastische Stadt im besten Sinne mitgestalten. Der Titel soll spielerisch den Mitmachteil in Politik betonen. Denn wer mitmachen darf, einen Teil der Gestaltungsmacht hat, kann Politik auch verändern.
In deinem Essay schreibst du von einem “warum”, das dich in die Politik gebrachthat. Wie nah bist du diesem “warum” schon gekommen?
Ich habe jetzt nach anderthalb Jahren als Stadträtin endlich das Gefühl zu wissen, wie bestimmte Abläufe funktionieren und kann dadurch auch schneller handeln – sowohl proaktiv als auch reaktiv. Meinem Warum nähere ich mich mit Anträgen zu inklusiven Themen (bspw. einem Praktikumspool für inklusive Praktikumsstellen), Anfragen zu Gleichstellungsthemen und vielen Gesprächen und Diskussion mit Verwaltung in Ausschüssen, die man in der Öffentlichkeit erstmal nicht sieht, die aber trotzdem was bewirken. In der Ratsversammlung am 25.02.2026 wird eine Anfrage zum Unterhaltsvorschuss sogar Leitanfrage und somit als erste Anfrage unserer Fraktion aufgerufen und dadurch definitiv besprochen. Damit nähere ich mich Schritt für Schritt dem Ziel, inklusive und geschlechterpolitische Themen präsenter zu machen.
Welchen Mikrofeminismus benutzt du gerne in deinem Alltag?
Ich hab im Internet vor ein paar Wochen den Witz geschrieben „Mikrofeminismus: Büchern, die von einem Mann geschrieben worden aus Prinzip einen halben Stern abziehen, weil mich die Perspektive nicht so abholt.“ Das fanden Männer gar nicht so witzig und haben mich aufs übelste beleidigt. Aber im Ernst: Ich lese zu 90% Bücher von FLINTA Personen, einmal um den sehr männlichen Schulkanon auszugleichen, aber vor allem weil das Geschichten sind, die mich begeistern, vielfältig in den Themen sind und endlich mal facettenreiche, realistische Protagonist*innen zeigen. Im Alltag weiche ich Männern auf der Straße nicht mehr automatisch aus, bestehe in Gesprächsrunden darauf aussprechen zu dürfen und spreche sexistisches Verhalten direkt an.
Welche politischen Ereignisse geben dir Hoffnung?
Auf den ersten Blick scheint es davon ja nicht viele zu geben. Aber mir hilft es auf Instagram Seiten wie @goodnewsmagazin zu folgen, die über positive Ereignisse auf der Welt berichten. Hier drei der welt-, bundes- und kommunalpolitischen Ereignisse, die mir Hoffnung
machen:
Irland führte letztes Jahr erst testweise ein Grundeinkommen für Künstler*innen ein, das wird es dauerhaft geben: Im Dreijahreszyklus erhalten 2000 Künstler*innen wöchentlich 325€. Die Studie zum Pilotprojekt hat gezeigt, dass die Nettokosten mehr als ausgeglichen wurden: Durch höhere kunstbezogene Ausgaben, gesteigerte Produktivität und geringere Sozialleistungsunabhängigkeit.
Im Juli 2025 wurde die Liposuktion bei Lipödem, einer Erkrankung die überwiegend weibliche Körper betrifft, zur Kassenleistung. Dafür wurde sich seit 2014 stark gemacht. Einen langen Atem haben und nicht aufgeben hat sich in diesem Fall gelohnt.
Das Gewalthilfeschutzgesetz ist beschlossen wurde. Schlecht daran: Queere und migrantische Menschen, die immer mehr von Gewalt betroffen sind, wurden dabei ausgeschlossen, weil sich sonst bestimmte Verhandlungspartner nicht auf das Gesetz eingelassen hätten. Gut daran: Das deutsche Gewalthilfenetzwerk wird mit Bundesgeldern gestärkt und ausgebaut und dadurch kann v.a. von sexualisierter und häuslicher Gewalt betroffenen Frauen verlässlicher geholfen werden. (Eine weitaus wirksamere Maßnahme wäre ja die Abschaffung des Patriarchats, aber das ist noch ein langer Weg.)
Der Louise-Otto-Peters Preis, ein feministischer Preis in Leipzig, ging im Jahr 2025 an einen queeren FLINTA* Kickboxverein, den Sidekick e.V. und zeigt damit, was uns als progressive Stadt wichtig ist.
Wenn du dir für 2026 etwas wünschen dürftest, was wäre es?
Weniger Männeregos in der Weltpolitik, aber offensichtlich auch in der Bundespolitik. Einen feministischen, progressiven Kanzler (Habeck, wir vermissen dich). Ein Stoppen der patriarchalen Retraditionalisierung und wieder progressive Politik für die Menschen statt
gegen sie. Das sind schon sehr große Wünsche.
Vielleicht auch einfach, dass ein paar mehr Männer erkennen, dass das Patriarchat auch sie negativ beeinflusst und es uns allen besser ohne ginge. Männer, die nicht nur performativ Feministen sind, sondern auch aktiv feministisch handeln und verlässliche Verbündete sind.
Und natürlich ein Grundeinkommen für Künstler*innen wie in Irland, statt Kürzungen im Kunst- und Kulturbereich.

